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Die Koalition erweist sich einen Bärendienst – mit der neuesten Initiative wird die Pflege als Profession sterben

Dr. Martina Hasseler, Professor für Aged Care, University of Ballarat and Ballarat Health Services, Victoria und Professorin für Pflegewissenschaft (HAW Hamburg)

Der Hauptschulabschluss als Voraussetzung für die Pflegeausbildung!  Die neueste Initiative der Regierungskoalition, um dem Pflegemangel entgegenzuwirken! Welch ein Gedanke! Darauf muss man erst mal kommen! Damit ist der Anfang vom Ende der Pflege als Profession eingeleitet! Jetzt müsste ich die Diskussion los treten, was eine Profession ist und welche Kriterien erfüllt sein müssten, damit ein Beruf sich Profession schimpfen darf. Dies würde jedoch den Rahmen dieses Beitrages sprengen. Aber unabhängig davon, welcher Professionstheorie man folgt, kann man festhalten, dass ein Hauptschulabschluss als Voraussetzung für die Pflegeausbildung die Dequalifizierung und Deprofessionalisierung der Pflege voran treibt. Es ist Allgemeingut, dass die Zugangsvoraussetzungen für einen Beruf in einem hohen Maße die Erwartungen, das Ansehen, den Status, die Aufgaben und Verantwortlichkeiten eines Berufes bestimmen. Wir müssen nicht darum herum reden, Berufe mit einem Hauptschulabschluss als Voraussetzung zeichnen sich dadurch aus, dass sie wenig anerkannt sind, gering entlohnt werden und insgesamt eine geringe Verantwortlichkeit verlangt wird. Es sind meistens Sackgassenberufe, die wenig Aussicht auf Vorankommen, Ansehen und Karriere bieten.

Die Aussage, dass mit dieser Gesetzesänderung lediglich die Voraussetzung und nicht die Ausbildung verändert werde, ist  naiv. Bereits jetzt haben Ausbildungsanbieter für Pflegeberufe Probleme damit, qualifizierte Schulabgängerinnen und Schulabgänger zu gewinnen. Und der Diskriminierungsvorwurf von Seiten der Politik an Vertreterinnen und Vertreter von Berufsorganisationen in der Pflege ist ein Totschlagargument. Wir diskutieren seit vielen Jahren das Problem, dass die Hauptschule eine „Randschule“ oder „Restschule“ sei. Wir wissen aus differenzierten Medienberichten und Studien, dass Hauptschülerinnen und Hauptschüler Defizite in elementar wichtigen Fächern nachweisen. Hauptschülerinnen und Hauptschüler haben insgesamt Probleme, Ausbildungsplätze aufgrund dieser Defizite zu erhalten. Handwerksberufe, die vor vielen Jahren den Hauptschulabschluss als Voraussetzung zugrunde gelegt haben, gehen zunehmend dazu über, nur Realschülerinnen und Realschüler sowie Abiturientinnen und Abiturienten als Auszubildende aufzunehmen. Diese Entwicklung ist nicht Schuld der Schülerinnen und Schüler, sondern es ist ein Problem unseres Schulsystems und des geringen Ansehens von Hauptschulen. Wir wissen aus Veröffentlichungen, dass in einigen Bundesländern mehr Geld in die Gymnasien als in die Hauptschulen fließt. Das Ansehen und die Besoldung von Gymnasiallehrerinnen und -lehrern sind höher als von Hauptschullehrerinnen und -lehrern. Was sagt es jedoch aus, wenn ein Ausbildungsberuf gesetzlich verordnet, den Hauptschulabschluss voraussetzt? Es sagt aus, dass Minimalqualifikationen ausreichen, um den Beruf zu erlernen. Die Pflegeausbildung wird sich verändern müssen, wenn Hauptschülerinnen und Hauptschüler vermehrt diesen Beruf erlernen. Die Ausbildungsinstitutionen werden sich den Voraussetzungen anpassen müssen. Dies wird dazu führen, dass die Anforderungen und die Qualität in der Pflegeausbildung weiter sinken werden.

Jede Herabsetzung der Zugangsvoraussetzung für Berufe und Studiengänge führt dazu, dass die Attraktivität und die Qualität dieser Berufe sinken! Welche Abiturientinnen und Abiturienten oder Realschülerinnen und Realschüler soll man noch für den Pflegeberuf interessieren? Glaubt die Regierungskoalition in der Tat, dass mit dieser Maßnahme ein Pflegemangel in Zukunft verhindert werden kann? Meine Prognose ist, dass dieser eher verschärft wird, da viele potentielle  Schulabgängerinnen und Schulabgänger von anderen Schulformen von dieser Ausbildung abgeschreckt werden. Und zu Recht! Wem soll man noch empfehlen, unter diesen Voraussetzungen den Pflegeberuf zu erlernen? Bereits jetzt leiden die Pflegeberufe darunter, gesellschaftlich wenig angesehen und innerhalb der Gesundheitsberufe diskriminiert zu sein. Diese Entwicklung wird verschärft. Mit genau dieser  Politik trägt die Regierungskoalition in einem hohen Masse dazu bei. Die Regierungskoalition setzt mit dieser Initiative ein deutliches Statement: pflegen kann jeder und den Beruf erlernen allemal! Unter diesen Voraussetzungen stirbt die Pflege als Profession – leiten wir das Moratorium ein!

 

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